2.6.3. Kurzgeschichte September 2005

In der Tradition des Vereinsorgans Chaos haben Kurzgeschichten seit je her ihren beständigen Anteil gehabt. Dem geneigten Leser soll durch nachfolgende Zeilen diese Tatsache in Erinnerung gerufen werden und zugleich auch die Möglichkeit gegeben werden, sich die erwartungsvolle Zeit bis zur nächsten Ausgabe des „Chaos“ wenigstens in bescheidenem Umfang auszufüllen.

Es handelt sich bei dieser Erzählung um die Schilderung eines sich real zugetragenen Ereignisses. Die Wucht, mit der dieses Ereignis den Erzähler traf, kann nur erahnt werden, wenn auch ein Blick auf die Zeit vor dem eigentlich sich Zugetragenen geworfen wird.

Da das Ereignis selbst kaum glaubhaft erscheint und eine Erzählung in Ich-Form an Glaubwürdigkeit gewinnt, sei nach dem nun folgenden Satz diese Form gewählt, der folgende Satz ist in der in der Literatur selten zu findenden Wir-Form abgehalten.

Wir waren bereits einige Septembertage im Urlaub in Schönhagen, einer kleinen, wohl zu Brodersby gehörenden Ortschaft südöstlich von Kappeln und unmittelbar an der Westküste der Ostsee gelegen.

Das Wetter war besser als erwartet, und so hatte sich bei mir eine leichte, entspannende Beschwingtheit breit gemacht. Ich hatte außerdem das Buch „Lachs im Zweifel“ von Douglas Noel Adams zu Ende gelesen und dann praktisch gleichzeitig zwei Bücher begonnen, nämlich zum einen mit „Die letzten ihrer Art“, ebenfalls von Douglas Noel Adams, und zum anderen mit „Die dreizehneinhalb Leben des Kapitän Blaubär“ von Walter Moers.

Der, der diese Bücher kennt, wird mir glauben, dass ich meine Gedanken geweitet hatte und bereit war für die wirklich großen Fragen und Antworten.

Durch einen Morgenspaziergang kurz nach Sonnenaufgang (und ich weiß, die, die mich kennen, halten dies für den unglaublichen Teil der Geschichte, der kommt aber erst noch) an der Steilküste, die sich beginnend am südlichen Ende des erschlossenen Strandes von Schönhagen in südlicher Richtung erstreckt, wurde mein Seelenzustand nochmals auf ein höheres Niveau gehoben.

Der Weg verläuft überwiegend unmittelbar an den ebenfalls überwiegend senkrechten Abbrüchen und steigt zunächst immer leicht an, bis nach etwa einem Kilometer der höchste Punkt erreicht ist, meiner Schätzung nach auf etwa 15 Metern. Zur Rechten erstrecken sich kleine Felder, die sich über die leichten Wellen der Landschaft schmiegen.

Zur Linken …,

nun, die Sonne hatte sich fast vollständig über den tief hängenden Dunstschleier erhoben und leuchtete aus noch tiefer Stellung, die sich sanft bewegende Oberfläche der Ostsee als verstärkenden Reflektor nutzend - ich konnte kaum hinsehen, es sah aus wie, nein, es fühlte sich an wie pure Energie.

Kein Ausbrechen nach links war also möglich und auch die sanfte, meist minimal in Wellen ansteigende Landschaft und die gelegentlich senkrecht zur Küstenlinie verlaufenden wilden Hecken zur Rechten wiesen einen an, auf dem vorgesehenen Weg zu bleiben. Nicht, dass sich daraus ein Gefühl der Beengung ergeben könnte, es erschien mehr als ein Aufzeigen der Grenzen seiner eigenen Welt.

Nach dem bereits beschriebenen Kilometer hält die Küste in etwa ihre Höhe noch einen weiteren halben Kilometer, der Weg geht leicht um ein kleines Eck an einer der zur Rechten verlaufenden Hecken und dann …

Befreiung!

Zur Linken immer noch die pure Energie, sieht man auf die nun auslaufende Steilküste, bis sie eins wird mit dem wilden Strand, hinab. Die Landschaft zur Rechten öffnet sich ebenfalls, da sie auch leicht abfällt und den Blick auf den Schwansensee freigibt. Es ist eine Empfindung der Freiheit, die einen da überkommt, und obwohl ich dieses Erlebnis bereits am Tag zuvor hatte (zwei Morgenspaziergänge bei zwei aufeinander folgende Sonnenaufgänge werden mir nun bestimmt nicht zugetraut, es war aber so!) war die Wirkung an diesem Tag noch stärker, weil der gegenüber dem Vortag dichtere, noch verbliebende Dunst die vielfachen Kubikmeter Beton („es kommt darauf an, was man damit macht“) der Ferienanlage in Damp in südlicher Richtung ins nur noch Schemenhafte verschleierte.

Ich betrat also nun diese „Freiheit“, bewegte mich noch einige Hundert Meter entlang der Küste und konnte mich dann in fast entgegengesetzter Richtung auf einem schräg zurück zur Ortschaft führenden, asphaltierten landwirtschaftlichen Nutzweg nochmals des wunderbaren Anblickes erfreuen, als ich zweimal recht kurz hintereinander eine Autohupe vernahm.

Ich wusste, dass es noch gut ein Kilometer bis zur eigentlichen Straße war und sah auch tatsächlich, als ich über eine Kuppe kam, ein sehr neu wirkendes, dunkelblaues C-Klassen-Cabriolet von Mercedes. Als ich näher kam, setzte das Auto langsam zurück, ja, es wurde sogar die Fahrertür geöffnet. Dies führte bei dem Auto dazu, dass es nun fast im Zickzack mit wilden Korrekturen versuchte, den eigentlichen, sehr schmalen Fahrbereich während der langsamen Rückwärtsfahrt nicht zu verlassen.

Eine an sich gepflegt und gut situiert wirkende Dame von etwa 60 Jahren stieg aus und ging hinter das Auto, und da wurde ich des wahren Grundes gewahr: ein mittelgroßer Hund hatte offensichtlich nicht auf die Hupsignale gehört und war also nicht von alleine zum Auto zurückgekommen. Einige Sekunden später passierte ich sowohl das Auto, die Frau und den Hund, der von der Frau gerade mit einem Handtuch von dem im Gras aufgenommenen Morgentau befreit wurde.

Da die Frau zu mir aufblickte, war ich aufgrund der allgemein üblichen Etikette gezwungen, zumindest ein Wort an sie zu richten. Man stelle sich die Situation vor, und ich sagte das wohl einzig Richtige:

Danke!

Sie kam mir einen Bruchteil einer Sekunde mit einem „Guten Morgen!“ zuvor, was mir aber nicht unangenehm war, so konnte sie zumindest in dem Glauben bleiben, ich hätte mich für den Gruß bedankt.

Diese Frau war tatsächlich etwa 800 Meter in einen landwirtschaftlichen Nutzweg hineingefahren, um ihren Hund, während Sie im Auto sitzen bleiben konnte, Gassi gehen zu lassen.

Damit hat die Spezies Mensch wieder einmal ihre fast unglaubliche Überlegenheit über alle anderen Lebensformen unter Beweis gestellt. Gerade einmal vier bis fünf Generationen waren notwendig, um sich nicht nur an die durch die Erfindung des Autos geänderten Umweltbedingungen anzupassen, sondern dies auch zum maximalen Vorteil für sich selbst zu nutzen. Es war offensichtlich, dass der Hund in seiner Entwicklung noch nicht so weit war, sonst wäre er auf das Hupsignal hin selbständig zum Auto zurückgekehrt und hätte sich auch selbst auf einem beispielsweise am Boden liegenden Handtuch trocken gewälzt.

Das beschriebene Ereignis ist sicher nicht mit dem Moment des Entstehens des Lebens auf der Erde gleichzusetzen, aber es war trotzdem ein gewaltiger Sprung in Richtung auf die wie auch immer geartete Vollkommenheit. Das ich dabei Zeuge war, dafür konnte ich mich nur bedanken.

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